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Interview mit der Diplom-Psychologin Beate Wölker
Chronische Hautkrankheiten wie die Schuppenflechte sind zwar nicht lebensbedrohlich, aber sehr belastend. Viele Patienten fühlen sich durch ihr verändertes Erscheinungsbild stigmatisiert und von der Umwelt abgelehnt. Umso mehr nimmt die psychosoziale Komponente bei der Behandlung von Psoriasispatienten einen hohen Stellenwert ein. Wie die Betroffenen lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen, und welche therapeutischen Maßnahmen eingesetzt werden, erfahren wir in einem Interview mit Beate Wölker, Psychologin im Fachklinikum Borkum.
Frau Wölker, für viele Betroffene gehört die Reaktion ihrer Mitmenschen auf die Erkrankung zu den schlimmsten Auswirkungen der Psoriasis. Wie verhalten sich Außenstehende?
Die Reaktion der Außenstehenden ist im Wesentlichen abhängig von deren Toleranz und Differenzierungsfähigkeit. Man sollte annehmen, dass heutzutage Schuppenflechte eine allgemein bekannte Erkrankung darstellt. Darum wundert es umso mehr, dass immer noch viele Menchen glauben, Psoriasis sei ansteckend. Besonders wenn die entzündete Haut zu sehen ist, wie im Schwimmbad, im Fitness-Center oder in der Sauna, reagieren die Mitmenschen häufig unsicher und assoziieren mit dem Hautzustand der betreffenden Person unzureichende hygienische Verhältnisse. Das hat zur Folge, dass sich Psoriatiker oftmals angestarrt und „sozial geprüft“ fühlen. Vorteilhaft ist es, einer solchen Situation aktiv zu begegnen und ein Gefühl von Hilflosigkeit und „Ausgeliefertsein“ erst gar nicht aufkommen zu lassen. In entsprechenden Schulungen können Psoriatiker lernen, selbstsicher mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Welche Probleme können die Partnerschaft belasten?
Die Belastung in der Partner-schaft ist von vielen Faktoren abhängig. Bestimmte Ausprägungen der Psoriasis üben einen direkten Einfluss auf die Beziehung aus. Zum Beispiel der Befall der Kopfhaut mit vermehrter Schuppung kann vom Partner oder der Partnerin als unangenehm oder unästhetisch empfunden werden. Des Weiteren kann der Partner oder die Partnerin bzw. die betroffene Person selbst angesichts der Hautveränderungen durch Schamgefühle belastet sein und die Sexualität beeinträchtigt werden. Auch die gemeinsame Freizeitgestaltung ist häufig bei Vermeidung von Schwimmbädern, Sauna und sportlichen Aktivitäten stark eingeschränkt. Viele Paare lernen jedoch mit den besonderen Schwierigkeiten umzugehen.
Welche Lebensbereiche sind durch die Erkrankung hauptsächlich betroffen?
Psoriatiker verdecken häufig ihre Haut und stehen nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dieses Verhalten nimmt insbesondere Einfluss auf ihre Berufswahl. Besonders Berufe mit täglichem Kundenkontakt oder auch Berufe in der Nahrungsmittelherstellung, wie Bäcker oder Koch, werden häufig von Psoriatikern gemieden.
Auch die Freizeitgestaltung und Urlaubsplanung sind bei Menschen mit Schuppenflechte häufig eingeschränkt. Die Erkrankung bestimmt das Urlaubsziel: Gegenden wie zum Beispiel Borkum, die sich durch ein günstiges Klima auszeichnen, werden bevorzugt als Ferienort gewählt.
Welche Faktoren spielen bei der Krankheitsbewältigung eine entscheidende Rolle?
Der Verlauf der Erkrankung ist nicht vorhersehbar. Die geringen Einflussmöglichkeiten auf akute Verschlechterung des Hautbefundes können zu Hilflosigkeitsgefühlen führen, die den Prozess der Krankheitsbewältigung negativ beeinflussen. Bei Psoriatikern ist der Leidensdruck im Allgemeinen nicht so offensichtlich wie beispielsweise bei Neurodermitikern. Dieser Umstand erschwert zusätzlich den bewussten Umgang mit der Problematik. Einschneidende Lebensereignisse oder Stress- bzw. Belastungssituationen können zur Auslösung oder Unterhaltung der Psoriasis beitragen. Allerdings sind psychische Probleme auch oft Folge der Belastungssituation und nur selten Ursache der Erkrankung. Psychologische Trainingsprogramme unterstützen die eigenen Ressourcen und helfen dabei, Stress abzubauen.
Wie helfen Sie Psoriatikern, mit ihrer Situation umzugehen?
Im Einzelgespräch gehen wir individuell auf die jeweilige Problematik der Patienten ein. Die Krankheit erfordert eine vielseitige Anpassungsleistung, bei der es für den Psychologen gilt, unterstützend und beratend tätig zu sein. Es werden krankheitsrelevante Problembereiche erarbeitet und mögliche Strategien zur durchführbaren Lösung entwickelt.In der Gruppentherapie werden günstige Bewältigungsstrategien erlernt. Wissensvermittlung und Entspannungsmethoden sind wesentliche Inhalte der Zusammentreffen. Eine beliebte Methode dabei ist, typische Situationen in Rollenspielen darzustellen: die Begegnung mit Bekannten und Familienangehörigen oder der Umgang mit Fremden oder Kunden im Geschäft. Zusätzlich werden psychologische Strategien zum Umgang mit Wut, Scham und Verzweiflung erarbeitet.Ziele der Schulung sind neben dem Selbstsicherheitstraining die Selbstwahrnehmung und das Annehmen und Akzeptieren der Krankheit sowie Ruhe und Gelassenheit trotz der enormen Belastung zu finden. Innerhalb eines Gruppenprogramms gibt es Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zum gemeinsamen Lernen. Die Beratung von Psoriatikern ist immer lösungsorientiert und hat den Anspruch, das Gelernte auch auf den Alltag zu übertragen. Wichtig ist es für Menschen, die an Schuppenflechte leiden, sich nicht als „Aussätzige“ zu fühlen.
Wie sieht in Deutschland die psychologische Forschung auf dem Gebiet der Psoriasis aus?
Besonders erfolgversprechend sind die neu erarbeiteten Schulungsprogramme, an deren Durchführung und Verbreitung großes Interesse besteht. Derzeit wird ein für ganz Deutschland gültiges Schulungsmanual erarbeitet und die Inhalte auf Konsensuskonferenzen bestimmt.
Wichtig ist es ebenfalls, vorhandene psychotherapeutische Methoden wissenschaftlich zu überprüfen. Um das Leben mit Psoriasis auch von der psychologischen Seite her optimal unterstützen zu können, werden jedoch entsprechende Forschungsmittel benötigt.