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Interview mit Prof. Dr. Dr. Johannes Ring
Das atopische Ekzem, auch Neurodermitis genannt, gehört mit rund 3,8 Millionen Erkrankten zu den häufigsten Hauterkrankungen in Deutschland. Betroffen sind vor allem Säuglinge und Kinder im Vorschulalter. Prof. Dr. Dr. Johannes Ring, Facharzt für Hautkrankheiten und Allergologe, nimmt in einem Interview zu den neuesten Erkenntnissen in der Ursachenforschung und aktuellen Behandlungsmöglichkeiten des atopischen Ekzems Stellung.
Welche Faktoren sind nach neuesten Erkenntnissen an der Entstehung von Neurodermitis beteiligt?
Eine genetische Prädisposition stellt den stärksten einzelnen Risikofaktor dar. Hat ein Elternteil selbst ein atopisches Ekzem, steigt das Erkrankungsrisiko für das Kind auf das 3- bis 6-fache. Das Risiko ist statistisch aber auch erhöht, wenn ein Elternteil oder beide unter einer anderen atopischen Erkrankung wie Heuschnupfen leiden. Darüber hinaus zeigt die Mehrzahl internationaler Studien bei Kindern, dass Mädchen signifikant häufiger als Jungen betroffen sind. Die Ursachen hierfür sind unklar. Allerdings ist derzeit davon auszugehen, dass verschiedene Gene auf mehreren Chromosomen für die atopische Veranlagung verantwortlich sind, es sich also um eine polygene Vererbung handelt. Neueste Untersuchungen einer Berliner Arbeitsgruppe konnten eine besondere Bedeutung des Genabschnitts q 21 auf dem Chromosom 3 nachweisen.
In den letzten Jahren konnten durch die intensiven Forschungsaktivitäten Veränderungen von Immunreaktionen bei Patienten mit Neurodermitis aufgedeckt werden. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Antigen-präsentierenden Langerhanszellen der Haut, die spezifische IgE-Antikörper an ihrer Oberfläche tragen und dadurch Soforttyp-Allergene wie zum Beispiel von den Hausstaubmilben den T-Helfer-Lymphozyten präsentieren können. Diese werden dadurch in ihren Funktionen aktiviert und Botenstoffe wie Interleukin-4 und -5 werden von diesen freigesetzt, wodurch andere Immunzellen wie die Eosinophilen und Mastzellen aktiviert werden. So wird u.a. der massive Juckreiz vor allem durch die Freisetzung von Produkten der Eosinophilen ausgelöst.
Als weitere mögliche Auslösemechanismen werden die Freisetzung von so genannten Superantigenen und Staphylokokken, mikrobielle Antigene von Hefepilzen wie zum Beispiel Pityrosporon ovale und Candida albicans sowie die Bildung von IgE-Antikörpern gegen eigene Zellbestandteile der Patienten diskutiert. Außerdem konnten bei Patienten mit atopischem Ekzem Barrierefunktionsstörungen der Haut infolge der Veränderungen u.a. des Ceramidgehalts der Hornschicht nachgewiesen werden. Auch psychoneuroimmunologische Effekte auf die Hautentzündung, zum Beispiel über bestimmte Botenstoffe aus den Hautnerven (Neurotransmitter/-peptide) können das atopische Ekzem beeinflussen.
Welchen Stellenwert haben dabei die Umwelteinflüsse?
Nicht nur anthropogene, sondern auch natürliche Umwelteinflüsse wie Aeroallergene und physikalische Einflüsse auf das atopische Ekzem müssen berücksichtigt werden. Bei den Luftschadstoffen ist eine Rolle für Tabakrauch nachgewiesen: Es ist bekannt, dass Tabakrauch bei aktiven wie passiven Rauchern die Konzentration des Gesamt-IgE ("Allergieantikörper") erhöhen kann.
Darüber hinaus erscheint das Rauchen in der Schwangerschaft das Risiko für eine atopische Erkrankung zu erhöhen. Nach eigenen Untersuchungen hatten Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft geraucht hatten, in 52 Prozent eine Atopiemanifestation, während es bei den nicht rauchenden Müttern 36 Prozent waren. Das Risiko für ein atopisches Ekzem war also mehr als doppelt hoch, wenn die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hatte.
Kann die steigende Umweltverschmutzung durch Luftschadstoffe wie Stickoxide und Ozon für die Zunahme allergischer Hauterkrankungen wie der Neurodermitis verantwortlich gemacht werden?
Die Rolle von diesen anthropogenen Luftschadstoffen, die im Wesentlichen mit Autoabgasen in die Umwelt gelangen, ist umstritten. Allgemein werden Luftschadstoffe als Auslöser für Allergien diskutiert. Darüber hinaus haben experimentelle Untersuchungen auch Hinweise auf Innenraumluftschadstoffe gegeben, die möglicherweise zur Ekzemverschlechterung beitragen könnten. Neben einer Irritationswirkung sind für die meisten dieser Komponenten aus experimentellen Untersuchungen auch immunmodulierende Effekte, z.B. im Sinne einer Gesamt-IgE-Erhöhung, bekannt. In den letzten Jahren wendet sich die Forschung zunehmend der Bedeutung von Dieselrußpartikeln und Feinstaubanteilen in der Außenluft zu. Eine abschließende Bewertung der Rolle von Luftschadstoffen bei Entstehung und Unterhaltung des atopischen Ekzems ist jedoch noch nicht möglich. Ein Einfluss von Innenraumstickstoffoxidquellen wie Gasherden sowie von Autoabgasen scheint jedoch möglich.
Das oberste Gebot für Allergiker besteht darin, Allergene zu meiden (Allergenkarenz). Den meisten Allergenen in unserer Umwelt kann man sich jedoch nur in begrenztem Maße entziehen. Wie kann trotzdem ein lang anhaltender Therapieerfolg erreicht werden?
Allergenkarenz ist nur ein Bestandteil des sog. Patientenmanagements beim atopischen Ekzem. Bei Patienten mit manifestem atopischem Ekzem gibt es darüber hinaus noch weitere Maßnahmen der sog. Tertiärprävention zur Reduktion individuell spezifischer Risikofaktoren. Von allgemeiner Bedeutung ist die konsequente Hautpflege und die Meidung unspezifischer Irritantien wie die Verwendung herkömmlicher Seife und das Tragen von Wolle auf der Haut. Die Meidung weiterer potenzieller Auslöser wie Nahrungsmittel, Aeroallergene, Stresssituationen etc. muss immer dem individuellen Risikoprofil entsprechen. Daher können hier allgemeine Empfehlungen nur schwer gegeben werden. Eine adjuvante Basisbehandlung zielt auf eine Normalisierung der trockenen Haut (Sebostase) und umfasst die regelmäßige, stadiengerechte Anwendung von wirkstofffreien Externa und Ölbädern. Auch die Behandlung ekzematöser Hautveränderungen erfolgt stadiengerecht am besten in enger Zusammenarbeit mit einem Hautarzt.
Wird es neue diagnostische Möglichkeiten für die Ermittlung von Auslösern des atopischen Ekzems geben?
Eventuell steht demnächst ein neues Hauttestverfahren, der so genannte Atopie-Patch-Test, für die Diagnostik bei Patienten mit atopischem Ekzem zur Verfügung. Dabei handelt es sich um einen Epikutantest mit Soforttyp-Allergenen wie den Hausstaubmilben. Pollen, Tierhaaren und Nahrungsmitteln. Er stellt jedoch derzeit noch kein Routineverfahren dar und muss bezüglich seiner klinischen Bedeutung in Studien weiter überprüft werden.
Welche neuen Therapieverfahren könnten den Patienten zukünftig zur Verfügung stehen?
Die symptomatische antientzündliche Behandlung des atopischen Ekzems wie zum Beispiel mit lokalen Kortikosteroiden wird zukünftig durch Wirkstoffe wie Tacrolimus und Ascomycin, die das Immunsystem der Haut beeinflussen, ergänzt werden. Außerdem könnten diejenigen Patienten, bei denen spezifische IgE-Antikörper für die Auslösung und Unterhaltung des atopischen Ekzems von besonderer Bedeutung sind, von der Gabe von Anti-IgE-Antikörpern profitieren. Dies muss jedoch durch doppelblinde Placebokontrollierte Studien noch geprüft werden. Auch bezüglich der medikamentösen Beeinflussung des Juckreizes werden die Forschungsergebnisse im Bereich der Psychoneuroimmunologie zu neuen Therapiemöglichkeiten führen.
Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Dr. Johannes Ring ganz herzlich für das Interview