Differenzierte und umfangreiche Diagnostik im Fachklinikum Borkum
Das Thema „Nahrungsmittelallergie“ weckte in den letzten Jahren nicht nur bei Medizinern, sondern auch bei den Verbrauchern und den Medien zunehmendes Interesse. Immer mehr Menschen möchten sich gesund und bewusster ernähren. Der Trend zu „Naturkost“, „Biokost“ und vegetarischen Ernährungsformen sowie zu Nahrungsmitteln ohne Farb- und Konservierungsstoffe spiegelt dies wider.
Der Begriff „Nahrungsmittelallergie“ wird von Laien, aber auch zum Teil von Ärzten falsch verwendet. So wird häufig eine Vielzahl unspezifischer Beschwerden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Magenschmerzen sowie Konzentrations- und Verhaltensstörungen als Nahrungsmittelallergie fehlgedeutet. Unverträglichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel sind nicht immer gleichbedeutend mit einer Nahrungsmittelallergie. Man unterscheidet zwischen toxischen Effekten, zum Beispiel durch giftige Substanzen in der Nahrung, und individuellen Überempfindlichkeits-Reaktionen. Beruhen diese Reaktionen auf einer erworbenen krank machenden Überempfindlichkeit aufgrund einer spezifischen Reaktion des Immunsystems mit Bildung von so genannten Antikörpern, liegt eine Allergie vor. Ist dagegen keine Reaktion des Immunsystems nachweisbar, gleichen jedoch die Beschwerden denen einer allergischen Erkrankung, spricht man von einer Pseudoallergie.
Erhebung der Krankengeschichte
Die diagnostische Einordnung der teilweise nur subjektiv fassbaren Beschwerden sollte durch einen allergologisch erfahrenen Arzt erfolgen. Dies erfordert jedoch eine gute Mitarbeit des Patienten. Hierbei geht der Allergologe nach einem diagnostischen Stufenprogramm vor, wobei die einzelnen Stufen aufeinander aufbauen, sich aber auch untereinander ergänzen. Hierzu gehören die Krankengeschichte, Hauttestungen, Labordiagnostik und Provokationstestungen.
Die Erhebung der Krankengeschichte im Rahmen des ärztlichen Gesprächs stellt die Basis der Diagnostik dar. Hilfreich ist hierbei auch ein Diät-Tagebuch, in dem der zeitliche Zusammenhang mit der Nahrungsmittelzufuhr erfasst wird.
Die Haut als Testobjekt
Der so genannte Pricktest ist das gebräuchlichste Hauttestverfahren. Das Prinzip besteht darin, durch einen Tropfen des auf die Haut aufgebrachten Allergenextraktes mit einer speziellen Nadel einen oberflächlichen, nicht blutenden Hauteinstich vorzunehmen. Die Testung wird entweder an den Innenseiten der Unterarme oder im oberen Bereich des Rückens durchgeführt. Die Auswertung der Reaktion erfolgt nach 15 bis 20 Minuten. Liegt eine Sensibilisierung, also eine spezifische Immunglobulin-E (IgE)-Antikörperbildung auf eines oder mehrere der getesteten Allergene vor, kommt es zur Ausbildung einer Sofortreaktion. Kennzeichnend dafür ist eine zentrale, teigig-erhabene Quaddel von weißer bis blassrosa Färbung. Sie ist von einem breitflächigen roten Hof umgeben und meist von örtlichem Juckreiz begleitet. Die Reaktion wird nach Größe der Quaddel und der umgebenden Rötung beurteilt und nach einer Skala von negativ (0) bis stark positiv (++++) angegeben.
Bei einem Teil der Patienten ist jedoch auf Grund von Hautveränderungen im Sinne eines atopischen Ekzems in den Testarealen oder aktueller allergischer Beschwerden eine Hauttestung nicht möglich. Auch bei der Anwendung bestimmter Medikamente (u.a. Antihistaminika, Corticosteroide, Psychopharmaka, ß-Blocker) und bei anderen Erkrankungen steht zum Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern ausschließlich die Labordiagnostik zur Verfügung.
Ermittlung der Antikörper
Verschiedene technische Verfahren führten zur Entwicklung einer Reihe von Labortests wie zum Beispiel dem RAST/EAST (Enzym/ Radio-Allergo-Sorbens-Test), welche zum Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern im Blut auf einzelne Allergene angewendet werden. Die richtige Bewertung der Ergebnisse erfordert eine gewisse Erfahrung. Deshalb sollte ein RAST-Befund nicht als Ersatz für eine ausführliche Krankengeschichte, die körperliche Untersuchung oder den Hauttest dienen, sondern eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Der RAST kann nur die im Blut zirkulierenden Antikörper erfassen, nicht jedoch deren Bedeutung für die Beschwerden des Patienten.
Direkte Prüfung durch Provokationstests
Die Bedeutung der Ergebnisse von Hauttestungen und der Nachweis spezifischer IgE-Antikörper im Blut, die nur für „echte“ Nahrungsmittelallergene zur Verfügung stehen, sind weniger eindeutig beurteilbar als bei anderen allergischen Erkrankungen. Der Nachweis einer Sensibilisierung, also der Antikörperbildung gegen bestimmte Nahrungsmittel, ist häufig nicht gleichbedeutend mit „Allergie“ im Sinne einer krank machenden Überempfindlichkeit. Deshalb sind häufig Provokationstestungen mit den entsprechenden Nahrungsmitteln unter ärztlicher Überwachung zur Diagnosestellung unerlässlich. Im Provokationstest können die klinischen Beschwerden (z.B. Bindehautentzündung mit Augentränen, Fließschnupfen mit Nasenlaufen, Asthma, Durchfälle, Ekzemverschlechterung) durch weitgehende Nachahmung der natürlichen Bedingungen ausgelöst werden. Sie sollten grundsätzlich nur zu einem möglichst erscheinungsfreien Zeitpunkt durchgeführt werden.
Während über die Zunahme anderer allergischer Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma oder atopisches Ekzem kaum noch Zweifel bestehen, sind zur Häufigkeit von Nahrungsmittelallergien nur sehr begrenzt wissenschaftliche Daten verfügbar. Essgewohnheiten und Ernährungsweisen, die sich auch regional unterscheiden, sind für die Häufigkeit von Nahrungsmitteln als Allergene von Bedeutung. Ferner bestehen erhebliche Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen durch Veränderungen der Ernährung und des Immunsystems in den verschiedenen Lebensphasen.