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Interview mit Marion Barthel, Leiterin der Abteilung Freizeit- und Beschäftigungstherapie im Fachklinikum Borkum
In der Kunsttherapie geht es nicht darum, Kunstwerke zu schaffen, sondern den Patienten die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu erfahren, Eindrücke zu verarbeiten sowie Gefühlen und Fantasien freien Lauf zu lassen. Durch das kreative Gestalten kann außerdem das Selbstwertgefühl der Kinder gestärkt werden, verrät Marion Barthel, Erzieherin im Fachklinikum Borkum.
Frau Barthel, malen, basteln, Ton kneten: Das haben viele Kinder im Zeitalter von Fernsehen und Computerspielen fast verlernt. Wie schaffen Sie es, die Kinder trotzdem zu motivieren?
Selber kreativ zu sein und sein eigenes Kunstwerk zu schaffen ist spannender, als den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen. Das stellen wir jeden Tag aufs Neue fest. Kleine wie große Patienten haben bei uns in der Freizeit- und Beschäftigungstherapie die Möglichkeit, verschiedene Techniken zu erlernen und mit unterschiedlichen Materialien zu experimentieren. Die Kinder sind in der Regel neugierig und probieren viel aus, ihrer Experimentierfreudigkeit sind keine Grenzen gesetzt. So schauen sie zum Beispiel, was passiert, wenn man verschiedene Farben miteinander mischt, oder wie es sich anfühlt, den Ton durch die Finger gleiten zu lassen. Wir versuchen uns dabei so weit es geht zurückzuhalten und möglichst wenige Anweisungen zu geben. Ist unsere Hilfe jedoch gefragt, stehen wir den frisch gebackenen Künstlern natürlich mit Rat und Tat zur Seite. Denn nur durch ein selbstständiges Arbeiten ist es möglich, dass die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihre Kreativität ausleben.
Kunst als Therapie – welchen Einfluss hat das kreative Gestalten auf den Heilungsprozess bei Kindern?
Sich ausdrücken in Form und Farbe spielt gerade bei Kindern mit chronischen Erkrankungen wie Neurodermitis oder Asthma eine wesentliche Rolle. Die Patienten bekommen dabei die Gelegenheit, ihre Gefühle und Konflikte auf spielerische Art und Weise darzustellen. Mit Pinsel und Farbe, aber auch mit Ton, Gips und Holz entstehen kleine Kunstwerke, die Empfindungen und Bedürfnisse sowie bewusste, aber auch unbewusste seelische Zustände widerspiegeln. Modelliermaterial, wie zum Beispiel Ton hat dabei eine ganz besonders beruhigende Wirkung auf Kinder. Durch das Schlagen und Kneten des Tons können sie sich abreagieren und all ihre aufgestauten Gefühle wie durch ein Ventil ablassen. Die Krankheit tritt dabei in den Hintergrund. So wird kaum ein Kind während des Modellierens den Ton aus den Händen legen, um sich zu kratzen.
Gerade bei chronisch kranken Kindern ist das Selbstwertgefühl oftmals stark angeknackst. Wie kann hierbei die Arbeit mit Pinsel und Farbe helfen?
Jedes Kunstwerk ist letztendlich für die Kinder ein Erfolgserlebnis. Stolz präsentieren sie ihren Eltern und den Mitarbeitern des Fachklinikums ihre Arbeiten und ernten Anerkennung. Das hilft den kleinen Patienten, ihr Selbstwertgefühl zu stärken – eine wesentliche Voraussetzung, um mit ihrer oft chronischen Erkrankung zu leben und diese auch zu akzeptieren.
Was schätzen Sie besonders an ihrem Beruf?
Oft entsteht beim gemeinsamen Arbeiten ein intensiver Kontakt mit den Patienten. Als Erzieherin gehört es zu meinen Aufgaben, den Kindern mit ihren Problemen zuzuhören und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Ich freue mich, an den großen wie kleinen Erfolgserlebnissen der Patienten teilhaben und auch mitwirken zu können.
Wir bedanken uns bei Frau Barthel ganzherzlich für das Gespräch.