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In der Mehrzahl der Fälle hat Asthma bronchiale allergische Ursachen. Es gibt aber auch Asthmatiker, bei denen sämtliche Tests keine Hinweise auf eine Allergie ergeben. Die auslösenden Faktoren sind bei dem so genannten intrinsischen oder endogenen Asthma sehr komplex und lassen sich nicht so leicht diagnostizieren. Welche Fortschritte im Bereich der Asthmaforschung in den letzten Jahren erzielt wurden und wie diese neuen Erkenntnisse die Diagnose und Therapie von Asthma beeinflusst haben, erfahren wir von Prof. Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, leitender Arzt der Abteilung für Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil - Universitätsklinik, Medizinische Klinik und Poliklinik in Bochum.
Herr Professor Schultze-Werninghaus, in den letzten Jahren hat die Therapie von Asthma bronchiale einen großen Schritt nach vorne gemacht, nicht zuletzt bedingt durch neue Erkenntnisse in der Grundlagenforschung. Was weiß man heute über die Entstehung von Asthma?
Die grundsätzlichen Kenntnisse über die Ursachen des Asthma bronchiale haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verändert. Nach wie vor weiß man sehr gut, wieso bei Allergikern ein Asthma entsteht: Der Körper bildet Antikörper gegen harmlose Stoffe der Umwelt, wie Pollen, Milben oder Tierepithelien, die dann im Körper beim erneuten Eindringen des Allergens eine Asthmareaktion auslösen. Die immunologische Reaktion vom so genannten Soforttyp tritt bereits nach 10–15 Minuten ein. Weniger klar verhält es sich bei Patienten, die keine eindeutigen Allergien aufweisen. Bei dem so genannten endogenen Asthma ist die Ursache der Erkrankung nicht genau festzumachen. Derzeit gilt jedoch noch immer die These, dass hier Infekte eine Rolle spielen könnten, wobei nicht ganz klar ist, ob eher bakterielle Infekte oder Virusinfekte als Hauptursache anzusehen sind. Wie man sieht, wird es auf diesem Gebiet auch noch in Zukunft eine Menge Forschungsbedarf geben.
Neu oder deutlicher geworden ist in den letzten Jahren wissenschaftlicher Forschung, dass schon ganz leichte Formen des Asthmas mit einer nachweisbaren Entzündungsreaktion der Bronchien verbunden sind. Dies gilt für alle Formen des Asthmas. So werden auch die leichten Formen heute sehr viel ernster genommen und entsprechend konsequenter therapiert, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Eine wirkungsvolle und frühzeitige Behandlung bei mildem Asthma geht auch immer Hand in Hand mit der Gabe von inhalativem Cortison.
Zusammenfassend kann man sagen, dass der eigentliche Fortschritt in der Therapie von Asthma bronchiale in dem Verständnis liegt, dass eine leichte Asthmareaktion durchaus mit einer gravierenden Entzündung der Bronchien verbunden sein kann.
Welche Symptome machen sich bei einem sehr leichten Asthma bemerkbar?
Viele Patienten wissen zum Zeitpunkt der Diagnose ihrer asthmatischen Erkrankung nicht, dass sie diese bereits seit einiger Zeit haben. Da die Symptome sehr leicht sein können und sich häufig nur durch Husten oder ein Beklemmungsgefühl im Brustkorb bemerkbar machen, sieht der behandelnde Arzt oftmals keinen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und einem Asthma. Dies ist insbesondere bei jugendlichen Patienten der Fall, die zum Beispiel beim Sport eine asthmatische Reaktion bekommen, ohne dass diese als solche erkannt und somit behandelt wird.
Werden Asthmaanfälle durch eine allergische Reaktion ausgelöst, ist die Suche nach den Auslösern weniger kompliziert als beim intrinsischen oder endogenen Asthma. Wie geht man in solchen Fällen vor?
Leider können in diesen Fällen die Ursachen des Asthma bronchiale noch nicht befriedigend diagnostiziert werden. Denn wenn man die Ursachen nicht kennt, kann man auch nicht nach ihnen fahnden. Auf jeden Fall aber sollte das gesamte Spektrum der möglichen Ursachen abgeklopft werden. Dabei sollte die Frage geklärt werden, ob im Bereich der oberen Luftwege, speziell im Bereich der Nasennebenhöhlen, eine chronische Entzündung zu finden ist, da diese häufig mit einem intrinsischen oder endogenen Asthma verbunden ist. Wichtig für die Krankener-hebung ist ebenfalls die Frage, ob Patienten vielleicht - ohne dass Ihnen die Zusammenhänge deutlich werden -, selber ihre Asthmaanfälle provozieren, zum Beispiel durch Medikamente, die sie nicht vertragen. Hierzu zählen in erster Linie Analgetika, also Aspirin und Verwandte, aber auch Betablocker, die sogar als Augentropfen zu Asthma führen können.
Patienten mit allergischem Asth-ma haben weitgehend die Möglichkeit Asthma auslösende Substanzen zu vermeiden. Wie können Personen mit endogenem Asthma einem Asthmaanfall vorbeugen?
Wenn nun tatsächlich festgestellt wird, dass ein Patient auf bestimmte Medikamente mit einer asthmatischen Reaktion antwortet, sollten diese Medikamente schnellstmöglich durch vergleichbare Substanzen ersetzt werden. Auf jeden Fall sollte der Patient auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht werden, um derartige Besonderheiten erkennen und dem behandelnden Arzt mitteilen zu können. Meiner Meinung nach gehören zu einer befriedigenden Diagnostik nicht nur die Untersuchungen, sondern auch die Weitergabe von Informationen über die möglichen Ursachen. Nur so ist ein Patient überhaupt in der Lage, den Ursachen seiner Erkrankung auf die Spur zu kommen.
Inwieweit unterscheidet sich das Asthma, das im Erwachsenenalter auftritt, von dem im Kindes- und Jugendalter?
Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass ein Asthma, das bereits im Kindes- oder Jugendalter verschwunden ist, durchaus beim Erwachsenen wieder auftreten kann. Die These, das kindliche Asthma würde sich häufig verlieren, ist nach dem aktuellen Forschungsstand so nicht mehr zutreffend. Im Grunde genommen bleibt die asthmatische Bereitschaft der Betroffenen lebenslang bestehen, auch wenn die Symptome über die Jahre wieder verschwinden können.
Wie bei Kindern und Jugendlichen sind bei einem erwachsenen Asthmatiker häufig noch Allergien nachweisbar. Gleichzeitig wird man jedoch oft auch so genannte intrinsische oder nichtallergische Komponenten der Erkrankung auffinden. Im Gegensatz zum Jugendlichen bleibt das Asthma vieler erwachsener Pollenallergiker in den Wintermonaten bestehen. Das heißt, der Betroffene behält eine milde oder mittelschwere Form des Asthmas auch dann, wenn der Pollenflug vorbei ist. Hier zeigt sich die Dringlichkeit, danach zu fahnden, ob nicht, auch wenn der Patient nur geringe Beschwerden bemerkt, die Erkrankung so ausgeprägt ist, dass sie behandlungsbedürftig ist. Nachgewiesen werden konnte außerdem, dass sich Asthmatiker im Erwachsenenalter häufig an ihre Beschwerden gewöhnen, was unter Umständen dazu führen kann, dass diese Patienten nicht entsprechend behandelt werden. Um die nötigen Therapiemaßnahmen einzuleiten, ist hier eine regelmäßige Kontrolle unbedingt erforderlich.
Das Spektrum medikamentöser Hilfe ist breit gefächert. Eine erfolgreiche Therapie hängt aber auch von der richtigen Handhabung des Inhalationsgerätes ab. Zu welcher Inhalationsmethode raten Sie Ihren Patienten?
Während bei der Behandlung des Kindes im Regelfall eine Therapie mit Inhaliergeräten durchgeführt wird, beschränkt sich die Therapie beim erwachsenen Asthmatiker auf die Verordnung von Taschenaerosolen, entweder in Form der klassischen Dosieraerosole oder aber als Pulveraerosole. Hier gibt es eine Fülle verschiedenster Darreichungsformen. Wenn man sich diese physikalisch genau anschaut, stellt man fest, dass die tatsächliche Lungendeposition des Patienten bzw. der Atemwege, die man erreichen möchte, bei vielen Geräten außerordentlich gering ist. Eine gute Deposition in der Lunge liegt bereits dann vor, wenn ungefähr 20 Prozent des Wirkstoffs, der freigesetzt wird, tatsächlich auch die Atemwege erreichen. Zu den Darreichungsformen, die eine wesentlich bessere Deposition bringen, gehören insbesondere einige neue Dosier-aerosole mit chlorfreien Treibgasen. Dank des großen Fortschritts in der Technologie ist hier eine Deposition von 60 Prozent erreichbar. Dieser Unterschied bezieht sich auch auf die Pulveraerosole, die bestenfalls um die 20 Prozent Deposition erreichen.
Asthma bronchiale ist in den meisten Fällen eine chronische Erkrankung. Gibt es in Zukunft Heilungschancen für die Betroffenen?
Diese Frage könnte man sehr umfangreich, sehr kurz, sehr philosophisch oder sehr wissenschaftlich beantworten. Wichtig dabei ist Folgendes: Wir sind jetzt erst dabei zu sehen, warum Asthma bronchiale in den letzten Jahrzehnten derart stark zugenommen hat. Solange wir dieses Phänomen nicht verstehen, können wir im Grunde auch nur an den Symptomen "herumkurieren", nicht aber wirklich eine Heilung oder eine Abnahme der Asthmahäufigkeit erreichen. Man ist dabei zu verstehen, dass Allergien möglicherweise deswegen zunehmen, weil sich unsere Umwelt in einem ganz bestimmten Punkt ändert: Heutzutage sind die Menschen in geringerem Maße Infektionen durch Viren, durch Bakterien und möglicherweise auch durch Parasiten ausgesetzt. Unser Immunsystem gerät sozusagen auf den falschen Weg, was unter Umständen zu der Ausbildung von Asthma bronchiale führen kann. Erst wenn wir diese Zusammenhänge besser verstehen, wird möglicherweise auch eine Heilung erreichbar sein. Derzeit kann man nur bestmöglich und frühzeitig medikamentös therapieren und in geeigneten Fällen mit der spezifischen Immuntherapie (= Hyposensibilisierung) eine Verringerung der allergischen Reaktionen erreichen.
"Schon ganz leichte Formen des Asthmas sind mit einer deutlich nachweisbaren Erkältungsreaktion der Bronchen verbunden."
Wir bedanken uns bei Prof. Schultze-Werninghaus ganz herzlich für das Interview.