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Interview mit Nina Buchheld, Diplom-Psychologin im Fachklinikum Borkum
Unser Kind ist chronisch krank. Was ändert sich dadurch in unserem Familienleben? Was können wir für unser krankes Kind tun? Wie kann ich auftretende Konflikte lösen? Diese und ähnliche Fragen stürmen tagtäglich auf Nina Buchheld ein. In einem Interview gibt die Diplom-Psychologin im Fachklinikum Borkum Ratschläge, wie Eltern, Geschwister und letztendlich das betroffene Kind lernen, mit der Erkrankung zu leben und sie in den Familienalltag zu integrieren.
Frau Buchheld, nehmen wir folgenden Fall an: Ein Kind leidet seit dem 5. Lebensjahr an Asthma. Welchen Einfluss hat die chronische Erkrankung des Kindes auf das Familienleben?
Die chronische Erkrankung des Kindes wirkt sich nicht nur auf das Kind selbst aus, sondern fordert und beeinflusst die gesamte Familie. Durch die große Belastung kann es hier zu einer ganzen Reihe von Problemen kommen: Eine oftmals mangelnde Arbeitsaufteilung zwischen Mutter und Vater hinsichtlich des Asthmamanagements des Kindes führt in vielen Fällen zur Überlastung eines Elternteils, häufig der Mutter. Außerdem kommt es in vielen Familien zu Abstimmungsproblemen zwischen Mutter und Vater, was das Kind tun und nicht tun darf. Dies kann wiederum das Kind verunsichern.
Durch die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die das chronisch kranke Kind erhält, kann es bei gesunden Geschwistern zu Eifersucht und dem Gefühl der Benachteiligung kommen. Obwohl Eifersucht und Geschwisterrivalität ganz normale Gefühle sind, die natürlich auch bei gesunden Geschwistern vorkommen, ist es wichtig, eifersüchtige Äußerungen wie zum Beispiel „Du hast ... viel lieber als mich!“ nicht direkt abzuwehren, sondern über Gefühle ins Gespräch zu kommen. Es soll geklärt werden, wie berechtigte Wünsche und Bedürfnisse angemessen befriedigt werden können.
Wie sollten sich Eltern und Geschwister verhalten?
Die Familie sollte einerseits eine optimale medizinische Behandlung gewährleisten und andererseits das Kind dabei unterstützen, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und zu erhalten. Wichtig dabei ist es, dass das Kind offen über seine Krankheit reden kann. Unterstützung bieten Eltern ihrem Kind auch dadurch, dass sie auf emotionale Reaktionen wie Ärger oder Angst eingehen und Verständnis signalisieren.
Die Familie sollte ihrem Kind auch beim Aufbau eines eigenständigen Krankheitsmanagements helfen, indem sie ihm zeigt, wie und wann es welche Medikamente einnimmt und wie es in akuten Notfällen reagieren muss. So wird sein Selbstbewusstsein und damit seine Fähigkeit gestärkt, sich konstruktiv und effektiv mit der eigenen Erkrankung auseinander zu setzen.
Der Umgang mit dem Asthma eines Kindes ist in sehr vielen Familien von Angst geleitet. Daher ist es wichtig, genau zu wissen, wie man sich im Notfall am besten verhält. Ein möglichst strukturiertes und systematisches Vorgehen verhindert, dass Panik auftritt. Dies kann für das betroffene Kind sehr wichtig sein, denn bei einem akuten Asthmaanfall ist es wahrscheinlich, dass das Kind ebenfalls in Panik gerät. Gerade dadurch aber verstärkt sich seine Atemnot.
Wenn die Eltern wissen, was zu tun ist, und Ruhe bewahren, wirkt sich das auch beruhigend auf das Kind aus. So können sie ihm dabei helfen, selbst nicht den Kopf zu verlieren und zu lernen, systematisch auf einen Asthmaanfall zu reagieren.
Günstig ist es, einen klaren Notfallplan zur Hand zu haben, der es einem ermöglicht, das Richtige zu tun, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Auch das Kind sollte mit dem Notfallplan vertraut gemacht werden, damit es lernt, selbstständig auf Asthmaanfälle zu reagieren. Das hilft dem Kind, Selbstbewusstsein und Sicherheit zu entwickeln.
Eltern chronisch kranker Kinder sind oft unsicher in Erziehungsfragen. Welche Probleme treten hier auf?
Es kann hilfreich und zugleich entlastend sein, zwischen allgemeinen erzieherischen Problemen und Problemen, die in Zusammenhang mit dem Asthmamanagement und der Krankheitsbewältigung stehen, zu unterscheiden. Allgemeine erzieherische Probleme sind solche, die in allen Familien auftreten können. Asthmabezogene Erziehungsprobleme hingegen stehen in Zusammenhang mit Schwierigkeiten, notwendige Bewältigungsanforderungen der Erkrankung in der Erziehung umzusetzen. Oft wird deutlich, dass ganz allgemeine Erziehungsprobleme die Ursache für ein ungünstiges Asthmamanagement sind und umgekehrt ein mangelndes Asthmamanagement allgemeine Probleme nach sich ziehen kann.
Ängstliche Eltern würden ihre Kinder am liebsten „in Watte packen“. Sie versuchen ihre Kinder zu entlasten, indem sie ihnen vieles abnehmen. Doch werden alltägliche Aufgaben von den Kleinen nicht eigenständig bewältigt, bleibt bei ihnen auch das Erfolgsgefühl aus. Viele Kinder entwickeln dann Selbstzweifel, ihr Selbstwertgefühl nimmt ab und sie übernehmen im Umgang mit dem Asthma weniger Selbstverantwortung: Sie trauen sich selbst nicht zu, angemessen mit ihrer Krankheit umgehen zu können und überlassen dies den Eltern. Dadurch werden die Kinder oft noch ängstlicher, was sich wiederum negativ auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Außerdem besteht häufig die Gefahr, dass das kranke Kindes aus Mitgefühl bzw. Mitleid zu sehr verwöhnt wird. Die Folge: Notwendige Grenzen zu setzen wird immer schwieriger. Ängstliches oder trotziges Verhalten des Kindes, wenn es um therapeutische Maßnahmen geht (z. B. Arztbesuch, Kampf um die regelmäßige Inhalation, Vermeiden von Auslösern), können weiterhin für Aufregung und Stress in der Familie sorgen. Einige Kinder versuchen auch, über die Erkrankung besondere Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihren Willen auszudrücken. Hier ist es wichtig, Kindern auf andere Art und Weise Aufmerksamkeit zu geben und ihnen beizubringen und vorzuleben, wie sie Gefühle angemessen ausdrücken können.
Ein asthmatisches Kind wird frühzeitig lernen müssen, mit seiner Krankheit zu leben. Wie helfen Sie den kleinen Patienten dabei?
Asthmaanfälle können von diffuser Spannung hervorgerufen oder verstärkt werden. Ein Grund kann sein, dass man nahe stehenden Personen gegenüber negative Gefühle oder Wünsche nur indirekt ausdrückt. So kann eine Asthmaattacke eine unmittelbare Folge zum Beispiel von Wut sein, die nicht direkt geäußert werden kann. Der Anfall kann außerdem beim anderen Schuldgefühle auslösen, im Sinne von: „Du hast Schuld, dass es mir schlecht geht und ich keine Luft mehr bekomme.“ Oder man wünscht sich, dass sich der andere mehr um einen kümmert, möchte dies aber nicht direkt äußern, sondern erzwingt sich die Aufmerksamkeit durch einen Asthmaanfall. Der Ausdruck von Gefühlen kann helfen, mit emotionalen Reaktionen umzugehen und innere Spannungen abzubauen. Daher ist es wichtig, dass asthmakranke Kinder in einem Umfeld leben, in dem Aussprachemöglichkeiten bestehen und in dem es üblich ist, Gefühle auszudrücken.
Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Asthma und der Fähigkeit, Gefühle zu zeigen. So wurde oft beobachtet, dass Asthmaanfälle aufhören, wenn Kinder anfangen, ihren Gefühlen durch Weinen freien Lauf zu lassen. Es konnte auch belegt werden, dass ein Ausweichen gegenüber Konflikten einen wichtigen negativen Einfluss auf die Folgen und den Verlauf des Asthmas hat. Auf der anderen Seite kann sich durch das direkte Äußern positiver Gefühle das Klima in der Familie deutlich verbessern, was sich wiederum positiv auf die Erkrankung auswirkt.
Neben der umfassenden medizinischen und sporttherapeutischen Betreuung der kleinen Patienten haben betroffene Kinder die Möglichkeit, an Entspannungsübungen teilzunehmen. Hier können sie lernen, sich selbst im Alltag oder in akuten Stresssituationen zu beruhigen und ihre Körperwahrnehmung zu schulen.
Wie können Eltern und Kinder lernen, Konflikte, die durch die Erkrankung entstehen, zu lösen?
Zuerst einmal ist es wichtig, dass die Eltern einen Arzt finden, dem sie vertrauen. In manchen Fällen ist es auch sinnvoll, sich von einem Psychotherapeuten unterstützen zu lassen. Doch vor allem sollte die ganze Familie zusammenhalten. Gegenseitige Vorwürfe treten in betroffenen Familien leider immer wieder auf. Doch Schuldzuweisungen verschärfen die Probleme, statt sie zu mildern. Wichtig ist es, so normal wie möglich zu leben.
Für ein chronisch krankes Kind kann die Kindheit eine ebenso erfüllte Zeit sein wie für andere Kinder auch. Eltern sollten ihr krankes Kind dabei unterstützen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Denn ein chronisch krankes Kind ist nicht nur Patient, sondern in erster Linie Kind, und in seinem Leben passiert eine Menge neben dem Asthma. Es ist sicher schwierig, dies zu berücksichtigen und trotzdem die notwendige Fürsorge und Vorsicht zu behalten.
So „normal“ wie möglich leben heißt auch, mit Schwierigkeiten umzugehen und sich von Niederlagen nicht entmutigen zu lassen. Es heißt auszuprobieren, welche Fähigkeiten jeder von uns hat, und Probieren beinhaltet Gelingen und Misslingen. Deswegen ist ein Misslingen auch keine Frage von Schuld, sondern eine ganz „normale“ Konsequenz aus dem Bemühen, das Richtige zu tun.
Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?
Die Begegnung mit den verschiedenen Menschen, die Gelegenheit, sie ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen Hilfestellung zu geben und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Veränderung möglich ist, fasziniert mich immer wieder von neuem.
Ich erlebe die Vielzahl der Lebensläufe und die individuellen Problembereiche als sehr anregend und herausfordernd. Dabei ist es sehr motivierend und befriedigend für mich, persönliche Entwicklung zu sehen und daran teilhaben zu können. Zudem ist die Möglichkeit, hier sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern zu arbeiten, sehr attraktiv.
Als große Bereicherung empfinde ich weiterhin die Arbeit und den Austausch in einem interdisziplinären Team.
Wir bedanken uns bei Nina Buchheld ganz herzlich für das Gespräch.