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Das Immunsystem bei Kleinkindern ist noch nicht vollständig entwickelt. |
Gehäuft auftretende Infekte der oberen und unteren Atemwege zählen zu den häufigsten Problemen, mit denen Kinderärzte in ihrer täglichen Praxis konfrontiert werden. Gerade in der kalten Jahreszeit und insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern kann die Anzahl der Infektionen erhöht und ihr Verlauf verlängert sein. Die Aufgabe des Kinderarztes ist es, zwischen noch "normaler physiologischer" und "veränderter pathologischer" Infektanfälligkeit zu unterscheiden.
Im Kleinkindalter werden noch bis zu 8 Infekte pro Jahr als normal gewertet. Mit zunehmendem Alter sinkt dann die Zahl der jährlichen Erkrankungen deutlich ab, bei Schulkindern auf etwa die Hälfte, verglichen mit Kleinkindern. Zu berücksichtigen ist aber neben der Zahl der Infekte auch deren Verlauf, die Lokalisation und damit verbunden der verantwortliche Erreger. Bei der Mehrzahl der Infekte im Kindesalter handelt es sich um Atemwegserkrankungen mit einer Dauer meist von 10–14 Tagen, die durch Viren verursacht werden. Bakterielle Infektionen sind dagegen deutlich seltener. Allerdings ist die Unterscheidung zwischen viralem und bakteriellem Atemwegsinfekt auch für den erfahrenen Kinderarzt nicht immer einfach. Oft sind Kontrolluntersuchungen notwendig, um unnötige Antibiotikagaben zu vermeiden.
Atemwege sind besonders gefährdet
Zu beachten sind auch Symptome wie chronischer Husten, die nicht immer unbedingt primär durch eine Infektion hervorgerufen werden. Im Rahmen einer Neigung zu so genannten obstruktiven Beschwerden, wie zum Beispiel beim Asthma bronchiale, wird der Husten nicht durch Keime,, sondern durch die vorhandene erhöhte Reaktionsbereitschaft der Bronchialmuskulatur zum Bronchospasmus hervorgerufen. Dieser Husten kann über mehrere Wochen anhalten und so unter Umständen zunächst als Zeichen einer chronischen Infektion fehlgedeutet werden.
Eine der Hauptursachen für rezidivierende Atemwegsinfekte sind anatomische Besonderheiten, insbesondere die engen Atemwege. Durch Schwellung und Wucherung der Schleimhäute im oberen Rachenraum - Adenoide oder auch Polypen genannt - können die Nasengänge von hinten verlegt werden und die Nasenatmung behindert sein. Durch Zuschwellen der in den oberen Rachenraum mündenden Tuben kann zudem ein Tubenkatarrh entstehen und bei längerer Dauer einen Paukenhöhlenerguss oder eine rezidivierende Mittelohrentzündung verursachen. Auch durch Tabakrauch kann es zu gehäuften Infekten vor allem der Bronchien kommen. Die im Rauch enthaltenen Schwebstoffe lähmen die Flimmerhärchen der obersten Zellschicht der Schleimhaut, wodurch es zu einem Schleimstau und erhöhter Infektanfälligkeit der Bronchien kommt.
Das immunologische Gedächtnis
Der wichtigste Grund für eine im Vergleich zum Erwachsenenalter gehäufte Infektanfälligkeit bei Kindern ist deren noch nicht voll entwickeltes Immunsystem. Bis auf sehr wenige Ausnahmen wird jeder Mensch mit einem vollständig ausgebildeten spezifischen und unspezifischen Immunsystem geboren. Jedoch besteht teilweise eine Unreife verschiedener immunologischer Funktionsmechanismen, wodurch gerade im Säuglings- und Kleinkindalter eine erhöhte Infektanfälligkeit begünstigt wird. Darüber hinaus müssen sich Kleinkinder, zum Beispiel zu Beginn ihrer Kindergartenzeit, mit einer hohen Erregerbelastung auseinander setzen. Durch die daraus resultierenden gehäuften Infektionen wächst das immunologische "Gedächtnis" des jeweiligen Kindes, so dass in Folge eine bessere Infektabwehr entsteht. Zur Ausbildung dieser Immunkompetenz gehören auch die bekannten Impfungen unter anderem gegenüber Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Masern und Mumps, die eine Erkrankung mit unter Umständen lebensbedrohlichen Folgen verhindern.
Gezielte Diagnostik bei pathologischer Infektanfälligkeit
Dieser alters- und entwicklungsbedingten "physiologischen" steht die "pathologische" Infektanfälligkeit gegenüber. Sie wird entweder durch angeborene oder erworbene Störungen von Abwehrfunktionen bedingt oder aber durch Faktoren, die indirekt das Eindringen und die Vermehrung von Krankheitserregern begünstigen. Glücklicherweise ist die pathologische Infektanfälligkeit sehr selten und lässt sich durch gezieltes und systematisches diagnostisches Vorgehen abgrenzen. Dazu gehören eine genaue Anamneseerhebung, eine körperliche Untersuchung sowie gegebenenfalls die Interpretation laborchemischer Ergebnisse. Sollten sich hierbei Hinweise auf das Vorliegen einer pathologischen Infektanfälligkeit ergeben, sind weitere spezifische Laboruntersuchungen notwendig. Erste Anzeichen für solche Immundefekte können unter anderem eine deutlich verzögerte körperliche Entwicklung, eine schlechte Verträglichkeit von Impfungen, ein frühes und gehäuftes Auftreten sowie langwierige Verläufe vor allem bakterieller Infektionen und auch eine auffällige Familienanamnese sein. Kinder mit einem nachgewiesenen Immundefekt sollten frühzeitig einer adäquaten speziellen Therapie zugeführt werden.
Dr. med. Herbert Jansen